Gemälde in „Dinner for one“

Der Sketch “Dinner for one” (auch: „Der 90. Geburtstag“) von und mit Freddie Frinton gehört zur Silvester-Folklore in Deutschland: Seit Jahrzehnten wird er in den dritten Fernsehprogrammen in derselben, über 50 Jahre alten Schwarzweiß-Aufzeichnung gesendet und erreicht dabei kontinuierlich hohe Zuschauerzahlen. Und selbst wenn man „Dinner for one“ nicht selber im Fernsehen anschaut, so trifft man in anderen Medien darauf, wenn das „Phänomen Dinner for one“ und seine hohe Popularität analysiert werden.

Als ich nun in diesem Zusammenhang einen Screenshot von „Dinner for one“ sah, fielen mir die Portraitgemälde ins Auge, die in der Kulisse dieses Theaterstückes zu sehen sind. Diese Gemälde dienen natürlich dazu, die altehrwürdige und wohlhabende häusliche Umgebung anzudeuten, in denen sich „Dinner for one“ abspielt. Aber sind sie vielleicht ganz bewusst gewählt?

In der 18-minütigen Version des deutschen Fernsehens sind an der Rückwand der Kulisse drei Portraits zu sehen. Das kleine Profil in der Mitte kann ich nicht konkret zuordnen. Das große Frontalportrait links hingegen orientiert sich eindeutig in den offiziellen Bildnissen Heinrich VIII., die Hans Holbein d.J. und seine Werkstatt angefertigt haben. Hierbei ist das sog. Whitehall-Portrait stilprägend, ein großes Wandgemälde von Hans Holbein d.J. von 1536/37, das zwar 1698 beim Brand des Palace of Whitehall zerstört wurde, aber durch zahlreiche Kopien bereits im 16. Jahrhunderts in England weit verbreitet war. Bei „Dinner for one“ erscheint Heinrich VIII. als Kniestück, wie bei der berühmten Version, die sich heute in der Galleria Nazionale d’Arte Antica in Rom befindet, oder noch ähnlicher bei einer aus der Royal Collection.

nach Hans Holbein d.J.: "Heinrich VIII." (ca.1538-47) Royal Collection, Windsor Castle

nach Hans Holbein d.J.: “Heinrich VIII.” (ca.1538-47) Royal Collection, Windsor Castle

Das rechte der drei Gemälde von „Dinner for one“ erinnert ebenfalls an einen englischen König, nämlich Karl I., wie ihn Anthonis van Dyck in einem seiner diversen Portraits des Königs dargestellt hat. Bei Heinrich VIII. und Karl I. handelt es sich um zwei für Großbritannien ausgesprochen folgenreiche und in der Geschichtsschreibung durchaus umstrittene Persönlichkeiten auf dem englischen Königsthron. Ob dies für „Dinner for one“ ein Zufall ist?

nach Anthonis van Dyck: "Karl I." (ca. 1635-1637) National Portrait Gallery, London

nach Anthonis van Dyck: “Karl I.” (ca. 1635-1637) National Portrait Gallery, London

In der ebenfalls 1963 aufgenommenen, 11-minütigen Version des Schweizer Fernsehens unterscheidet sich die Kulisse in mehreren Details von der „deutschen“ Version und ebenso bei den Gemälden: Die Rückwand zeigt hier fünf größere Portraitgemälde. Von diesen kann ich nur eines zuordnen, nämlich jenes ganz links. Hierbei handelt es sich offensichtlich um eine Kopie des „Lachenden Kavaliers“, ein Portrait, das Frans Hals, der in Haarlem tätige bedeutende Meister des niederländischen Goldenen Zeitalters, 1624 schuf. Es befindet sich heute in der Wallace Collection in London und gehört, seit es 1872 erstmals in London präsentiert wurde, zu den populärsten Altmeistergemälde im britischen Kulturraum – „The Laughing Cavalier“ ist dort ein allgemein bekannter Begriff. Somit hat auch in dieser Version von „Dinner for one“ ein Gemälde seinen Auftritt, das zwar aus Holland stammt, aber in England eine große populäre Bedeutung besitzt.

Frans Hals: "Der Lachende Kavalier" (1624) Wallace Collection, London

Frans Hals: “Der Lachende Kavalier” (1624) Wallace Collection, London

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