Fragen und Antworten zu: Benin-Bronzen, Restitution und Humboldt Forum (1)

Seit einiger Zeit wird in den internationalen Medien über die „Benin-Bronzen“ berichtet und über die Frage ihrer möglichen Restitution nach Nigeria. In Deutschland hat diese Diskussion im Zusammenhang mit dem Berliner Humboldt Forum und der dort vorgesehenen Präsentation der Benin-Sammlung der Berliner staatlichen Museen dramatisch an Intensität zugenommen. Aus meiner Sicht handelt es sich hierbei um ein für die Museen in Europa und Nordamerika ausgesprochen wichtiges Thema, dessen Grundfrage „Sollen Museumsobjekte, die in kolonialem Kontext nach Europa gelangten, an die Menschen der jeweiligen Herkunftsgegenden zurückgegeben werden und wenn ja wie?“ bereits seit Jahrzehnten in der Museumswelt schwelt, ohne dass es weitreichende handfeste Ergebnisse hierzu gibt.

Mehr oder weniger zufällig hat es sich ergeben, dass ich selber das Thema „Benin-Bronzen“ bereits in meiner Kindheit kennengelernt habe und mich seitdem dafür interessiere. Derzeit wundert mich, in wie vielen der Medienberichte zu diesem Thema einzelne dort anzutreffende „faktische Aussagen“ irreführend oder falsch sind, was vermutlich nicht Absicht der jeweiligen Autoren ist, sondern schlicht Unkenntnis und ungenügende Recherche. Deshalb werde ich im Folgenden (und weiteren Blog-Beiträgen) einiges dazu schreiben, in Form von Antworten auf Fragen zu diesem Themenkontext. In diesem ersten Blog-Beitrag geht es um die zentralen Aspekte und in weiteren Beiträgen werde ich dann mehr ins Detail gehen.

  • Reliefplatte: Krieger mit Begleitern, Königtum Benin, 16./17. Jahrhundert (Metropolitan Museum of Art, New York)

    Was sind die Benin-Bronzen?
    Mit „Benin-Bronzen“ werden in der aktuellen Diskussion einige Tausend kunsthandwerkliche Objekte bezeichnet, die in der Zeit zwischen dem 14. Jahrhundert und dem späten 19. Jahrhundert in Benin, im heutigen Nigeria, für den dortigen Königshof hergestellt wurden. Ein Großteil der Objekte sind Metallgüsse, wobei insbesondere ca. 40 bis 50 cm große Reliefplatten sowie beinahe lebensgroße dreidimensionale Köpfe Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Es handelt sich aber auch um Metallgüsse in ganz anderen Formen (z.B. Figuren von Menschen und Tieren oder verzierte Gebrauchsgegenstände). Außerdem geht es um Elfenbeinschnitzereien, darunter vollständig mit Reliefs verzierte Elefantenstoßzähne oder kleine Masken, die als zeremonieller Schmuck am Gürtel getragen wurden. Darüber hinaus gibt es Objekte aus anderen Materialien, etwa Keramik, Holz oder Textilien.

  • Wo befinden sich die Benin-Bronzen heute?
    Fast sämtliche Benin-Bronzen befinden sich heute in öffentlichen sowie privaten Sammlungen in Europa oder Nordamerika, also der sog. „westlichen“ Welt. In Westeuropa sind Benin-Bronzen in vielen Museen anzutreffen, die traditionell als „Völkerkundemuseen“ bezeichnet wurden (in Deutschland z.B. in Berlin das Ethnologische Museum, in Hamburg das Museum am Rothenbaum, in Köln das Rautenstrauch-Joest-Museum und in Stuttgart das Linden-Museum), und in Nordamerika in den großen „enzyklopädischen Kunstmuseen“ (z.B. Metropolitan Museum of Art in New York).
     
  • Wie sind die Benin-Bronzen in die „westlichen“ Sammlungen gelangt?
    Im Jahr 1897, während der Kolonialzeit in Afrika, eroberte britisches Militär im Rahmen einer sogenannten „Strafexpedition“ gewaltsam die Stadt Benin. Dabei wurden Teile der Stadt verwüstet, auch gab es Brände. Insbesondere im Königspalast wurden Tausende Kunstobjekte von britischen Truppen geplündert. Diese Objekte sind der Kern der aktuellen Diskussion um „Benin-Bronzen“. Sie gelangten zunächst mit den Soldaten nach England und von dort sehr schnell in verschiedene westliche Sammlungen. Insbesondere deutsche Völkerkundemuseen haben einen beachtlichen Anteil dieser Objekte in England erworben.
     
  • Was bedeutet Restitution?
    Unter Restitution versteht man die Rückgabe unrechtmäßig erworbenen Besitzes. Im Bereich der Kunst- und Museumswelt gibt es dabei in den letzten Jahren vor allem drei Themen, über die regelmäßig in den Medien berichtet werden: Erstens sind es unter nationalsozialistischer Herrschaft in Deutschland oder im 2. Weltkrieg in von Deutschland besetzten Gebieten vorrangig aus jüdischen Privatsammlungen „erpresste“ Kunstwerke. Hier gab es bereits seit dem Ende des 2. Weltkriegs, insbesondere aber in den letzten 20 Jahren eine Reihe von Rückgaben hochrangiger Kunstwerke an die ursprünglichen Besitzer oder deren Erben. Zweitens sind es archäologische Objekte, die aus illegalen Grabungen stammen oder aus archäologischen Stätten gestohlen wurden und dann über den internationalen Kunsthandel wiederum in westliche Sammlungen gelangen. Dies betrifft Funde der Antike Vorderasiens und der Mittelmeerländer (z.B. Italien) ebenso wie asiatische (z.B. Kambodscha) oder präkolumbianische (z.B. Guatemala) Objekte. Drittens sind es Objekte, die insbesondere im 19. und frühen 20. Jahrhundert in Kolonien europäischer Staaten von Europäern „gesammelt“ wurden, wobei die jeweilige Form dieser Aneignung aus heutiger westlicher Sicht oftmals Unrecht darstellt. Viele dieser Objekte befinden sich in europäischen Völkerkundemuseen sowie in westlichen Kunstsammlungen. Die Benin-Bronzen sind das derzeit wohl prominenteste Beispiel für diese dritte Gruppe von Objekten.
     
  • Was ist das Humboldt Forum?
    Das Humboldt Forum ist eine interdisziplinäre Einrichtung in Berlin, die sich derzeit (April 2021) in einer Phase befindet, in der das dazu errichtete Gebäude zwar fertiggestellt ist, die geplante vielseitige Nutzung aber noch nicht begonnen hat. Dies hängt einerseits mit den Beschränkungen wegen der derzeitigen Coronavirus-Pandemie zusammen, andererseits gibt es aber auch lautstarke Kritik an Teilen der geplanten Nutzung.
    Das Gebäude ist eine teilweise Rekonstruktion des barocken Berliner Schlosses auf der Spreeinsel in der Mitte der Stadt. Der nördliche Teil dieser Spreeinsel, vom Schloss durch den Lustgarten getrennt, ist als „Museumsinsel“ bekannt und UNESCO-Weltkulturerbe. Im Humboldt Forum sollen die Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums Asiatischer Kunst präsentiert werden, also zweier Staatlicher Museen zu Berlin, die bisher in Berlin-Dahlem, südwestlich außerhalb der Berliner Innenstadt angesiedelt waren. Außerdem soll es eine Ausstellung zur historischen und heutigen Stadt Berlin geben sowie das sogenannte „Humboldt-Labor“, welches von der Humboldt-Universität betrieben wird.

    Gedenkkopf einer Königinmutter, Königtum Benin, 15./16. Jahrhundert (Ethnologisches Museum Berlin)

  • Warum stehen im Bezug auf die Eröffnung des Humboldt Forums gerade die Benin-Bronzen und die Frage ihrer möglichen Restitution im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit?
    Das Humboldt Forum wurde sehr ambitioniert konzipiert: Es möge die globalen gesellschaftlichen Herausforderungen der heutigen Welt aufgreifen und im Kontext Berlins und der Berliner Museumssammlungen zukunftsweisend präsentieren. Dies allein ist eine große inhaltliche Herausforderung. Diese wird noch einmal dadurch schwieriger, dass das Berliner Schloss als Symbol für die preußische Herrschaft und somit auch für das unter den deutschen Kaisern vom späten 19. Jahrhundert bis zum Versailler Vertrag nach dem 1. Weltkrieg in deutschen Kolonien der dortigen Bevölkerung angetane Unrecht angesehen werden kann und damit allgemeiner für das bis heute nicht konsequent aufgearbeiteten Handeln ehemaliger Kolonialmächte.
    Nun möchten die Verantwortlichen des Humboldt Forums die umfangreichen Sammlungen des Ethnologischen Museums einerseits als Beitrag zur Weltkultur präsentieren, der dem der in den Museen der nahen Museumsinsel ausgestellten „klassischen westlichen Kulturen“ im Gegensatz zur früheren westlichen Auffassung eben gerade nicht unterzuordnen ist, sondern gleichrangig ist – wenn man überhaupt eine „Wertigkeit von Kulturen“ zulässt. Aber kann man Objekte, die zu kolonialen Zeiten beispielsweise aus Afrika nach Berlin gelangten, heutzutage guten Gewissens in einem deutschen Museum zeigen, wenn in den Heimatländern derartige Objeke kaum noch oder gar nicht mehr vorhanden sind, die dortigen Menschen also ihres materiellen kulturellen Erbes beraubt wurden?
    In diesem Kontext sind die Benin-Bronzen aus mehrerlei Gründen beispielhaft und deshalb der Fokus der aktuellen Diskussion: Erstens ist die gewaltsame Aneignung der Objekte durch englisches Militär in Benin sehr gut durch Dokumente belegt, insbesondere im Vergleich zu den allermeisten anderen Objekten, die zu kolonialen Zeiten in europäische Sammlungen gelangten. Zweitens wurden durch die „Strafexpedition“ 1897 fast sämtliche existierende Benin-Bronzen „auf einen Schlag“ geraubt, so dass mit einer einzigen Militäraktion das historische Kunstschaffen am Königshof von Benin beinah vollständig vom Ursprungsort entfernt wurde. (Bei den anderen vergleichbaren Objektgruppen aus afrikanischen Kolonien handelte es sich hingegen um einen sich über Jahre hinziehenden Prozess.) Drittens gelten die Benin-Bronzen aus Sicht der westlichen Wissenschaften (Ethnologie und Kunstgeschichte) spätestens seit dem umfangreichen Bekanntwerden nach 1897 als herausragende Beispiele afrikanischen Kunstschaffens, was unter anderem damit zusammenhängt, dass sie eher der traditionellen westlichen Vorstellung von „Kunst“ entsprechen als viele andere afrikanische Kulturobjekte. Dies führte auch dazu, dass Benin-Bronzen auf dem westlichen Kunstmarkt zu hohen Preisen, bis in den Millionenbereich, gehandelt wurden bzw. werden, was einmal mehr den „Wert“ der Benin-Bronzen unterstreicht und darüberhinaus offenlegt, dass westliche private Sammler und Händler von Benin-Bronzen jahrzehntelang finanziell von deren Besitz profitieren konnten. Viertens wurde von nigerianischer Seite bereits seit vielen Jahrzehnte die Rückgabe von zumindest einem Teil der Benin-Bronzen aus westlichen Sammlungen gefordert, bisher aber ohne konkreten Erfolg. (Dies gilt in ähnlicher Form auch für Objekte anderer afrikanischer Kulturen in westlichen Sammlungen.)
    Somit sind die Benin-Bronzen die „bestdokumentierte Spitze des Eisberges“ kolonialen Unrechts in Bezug auf afrikanische Kunst- und Kulturgüter. Was auch bedeutet: Wenn es nicht gelingt, bei den Benin-Bronzen das 1897 begangene Unrecht bestmöglich wiedergutzumachen, wird es bei anderen afrikanischen Objekten in westlichen Sammlungen vermutlich erst recht nicht gelingen.
    All dies kulminiert nun im Kontext der anstehenden neuen Präsentation des Berliner Ethnologischen Museums im Humboldt Forum, da sich letzteres ja gerade die zeitgemäße Behandlung kolonialen Umrechts auf die Fahne geschrieben habt. Dies umso mehr, da die Berliner Sammlung an Benin-Bronzen neben jener des Britischen Museums in London als die bedeutendste weltweit gilt und sie auch bereits früher vom Ethnologischen Museum als ein herausragendes Sammlungsensemble angesehen wurde. Somit steht die Behandlung der Benin-Bronzen durch das neue Humboldt Forum stellvertretend für einen viel größeren Komplex in der aktuellen Behandlung kolonialen Erbes.
     
  • Warum erscheinen die Benin-Bronzen in Marc Schefflers Blog auf der kunstundphysik.de-Homepage?
    Bei diesem und kommenden Blog-Einträgen zu Benin-Bronzen geht es mir darum, sachliche Informationen darzulegen.
    Aus meiner Sicht ist unbestreitbar, dass das Vorgehen von Kolonialmächten in Afrika von Unrecht geprägt ist. Aus heutiger Sicht kann dieses Verhalten nicht gutgeheißen werden und es ist Aufgabe der ehemaligen Kolonialmächte, nach Wegen zu suchen und diese auch einzuschlagen, das angerichtete Unheil anzuerkennen und gemeinsam mit den betroffenen Staaten und Ethnien dieses Unheil wieder gutzumachen. Die Benin-Bronzen bzw. die Tatsache, dass sich die meisten der Benin-Bronzen nicht in Nigeria befinden und die Art und Weise, wie die Benin-Bronzen 1897 nach Großbritannien und danach in westliche Sammlungen gelangt sind, sind ein prägnantes Beispiel für dieses von den Kolonialmächten zu verantwortende Unrecht, welches es wiedergutzumachen gilt.
    Ich war nie in Nigeria und habe auch keine persönlichen Kontakte dort. Somit steht es mir nicht zu, mich über die dortige Lage zu äußern oder Vorschläge zu machen, in welcher Weise oder an wen die Benin-Bronzen (aus westlichen Sammlungen) in Nigeria zu restituieren sind – zu diesen Aspekten kenne ich mich schlicht zu wenig aus. Restitution von Benin-Bronzen sollte aber sicherlich ein Teil des einzuschlagenden Weges sein.

    Ausschnitt einer Reliefplatte aus Benin.
    Zeichnung angefertig von Marc Scheffler am 28.10.2001 im Linden-Museum Stuttgart.

    Ich selber habe bereits als Kind erstmals Benin-Bronzen gesehen, nämlich als 1983 im Roemer- und Pelizaeus-Museum meiner Heimatstadt Hildesheim die von Ekpo Eyo (damals Direktor des Nationalmuseums von Nigeria und Direktor des Federal Department of Antiquities Lagos) und Frank Willett (damals Director of the Hunterian Art Gallery, University of Glasgow) organisierte Ausstellung „Kunstschätze aus Alt-Nigeria“ zu sehen war. Seitdem habe ich in diversen Museen und Sonderausstellungen originale Benin-Bronzen bestaunen können und auch immer wieder darüber gelesen, auch über die Umstände, wie sie in westliche Museen gelangten. Seit ca. 1989 interessiere ich mich konkreter für „Kunstraub mit ideologischen Hintergrund“ (Thema eines selbstgewählten interdisziplinären studentischen Referatsthemas 1994) und während meines Studiums an der University of Maryland 1997/98 habe ich sogar einmal mit Ekpo Eyo gesprochen, der dort damals Professor war: Nachdem ich seinen Namen in der Fakultätsliste für Kunstgeschichte gelesen hatte, klopfte ich einfach unangemeldet an seiner (wenn ich es richtig erinnere offenen) Bürotür. Ich habe ihm dann für die Ausstellung von 1983 gedankt, weil sie einer der Ausgangspunkte für mein bis heute anhaltendes Interesse für Museen, Archäologie und Kunstgeschichte war. Nach kurzer, ausgeprochen freundlicher Unterhaltung habe ich mich wieder von Ekpo Eyo verabschiedet, weil ich seine Zeit nicht ungebührend in Anspruch nehmen wollte – wenn ich heute daran zurückdenke und daran, was ich inzwischen über das frühere Schaffen von Ekpo Eyo gelernt habe, bereue ich etwas, dass ich mich damals nicht länger mit ihm unterhalten habe. Somit habe ich zwar als Physiker beruflich nichts mit Benin-Bronzen zu tun, bin in der Hinsicht also kein Experte, aber in meiner Freizeit habe ich sie „schon lange auf dem Schirm“ und deshalb habe ich die in den letzten Jahren intensivere Berichterstattung hierzu mit großen Interesse verfolgt. Diese Erfahrungen sind nun die Basis für meine Blog-Beiträge zu den Benin-Bronzen.

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